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Pressebericht: Kerler Buchverlag gerät unter Druck
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Süddeutsche Zeitung

07.12.1995

Ressort: Bayern

Buchverlag gerät unter Druck

Mit Korrekturabzügen Kunden geangelt

Ingolstädter Staatsanwaltschaft ermittelt / Geschäftsleute über Kleingedrucktes gestolpert

Von Stephanie Schwaderer

Ingolstadt - Mit unlauteren Werbemethoden für ein Branchenbuch namens 'Münchner regionale Seiten' soll der Jungunternehmer Herbert Kerler Hunderte von Unternehmen, Handwerksbetrieben und Freiberuflichen ausgetrickst haben - darunter auch die Landeshauptstadt München und erfahrene Rechtsanwälte. Drei Einstweilige Verfügungen haben die Landgerichte München und Ingolstadt bereits erlassen, um ihm das Handwerk zu legen. Die Ingolstädter Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Betrugs.

Grosse Verunsicherung
Am 1. September hatte Kerler in Reichertshofen (Landkreis Pfaffenhofen) den 'Kerler-Buchverlag' gegründet. Unter diesem Namen verschickte er fortan 'Korrekturabzüge'. Die Empfänger wurden darin aufgefordert, ihre aufgedruckte - meist fehlerhafte - Anschrift zu überprüfen und das berichtigte Formular zur 'kostenlosen Änderung' unterschrieben zurückzusenden. Allein in der grau unterlegten Fusszeile fand sich ein Hinweis auf die umseitig formulierten Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Diese legten fest, dass sich der Unterzeichnende zu einer zweimaligen Zahlung von 849 Mark plus Mehrwertsteuer, insgesamt also knapp 2000 Mark, verpflichtete.

Zu der grossen Schar von Leuten, die über das Kleingedruckte gestolpert sind, zählt der Münchner Verleger Adolf Hauschka. 'Heimtückisch und unverschämt' findet er die Namensverbindung 'Münchens regionale Seiten' und 'Kerler-Buchverlag': 'In der Eile dachte ich, ein Schreiben des Keller Verlags in den Händen zu halten.' Dieser verschickt zur Aktualisierung des von ihm herausgegebenen, marktführenden Branchenbuchs 'Gelbe Seiten für München' tatsächlich kostenlose Korrekturabzüge.

Der Münchner Rechtsanwalt Christoph Hundhammer geht inzwischen davon aus, dass 'systematisch Kunden der Gelben Seiten angeschrieben wurden'. Beim Keller Verlag, seinem Mandanten, hätten sich in kurzer Zeit die Anfragen verunsicherter Rechnungsempfänger gehäuft. Mittlerweile haben sich auch die Landesärztekammer und der Einzelhandelsverband an Hundhammer gewandt: 'Weil sie sich vor Anrufen nicht mehr retten können', wie der Anwalt sagt. Er versucht nun, das Konto des Kerler-Buchverlags beschlagnahmen zu lassen.

Kerler wurde bereits Ende Oktober der Versand seiner 'Korrekturabzüge' wegen Wettbewerbswidrigkeit gerichtlich verboten. Ihn hielt das jedoch nicht davon ab, mit Mahnungsschreiben weiter Geld einzutreiben und Storno-Gebühren zu kassieren. Seit einigen Tagen darf er auch das nicht mehr: Der Deutsche Schutzverband gegen Wirtschaftskriminalität (DSW) mit Sitz in Bad Homburg erwirkte am Landgericht Ingolstadt eine entsprechende Verfügung.

'Extrem frech'
'Extrem frech und selten penetrant' nennt Sigrid Lanzenberger von der Verbraucherzentrale Bayern das Gebaren des Reichertshofener Verlags. Den Kunden wider Willens rät sie, Rechnungen keinesfalls zu bezahlen und die Verträge wegen arglistiger Täuschung anzufechten. Die Rechtsanwältin hält es für zweifelhaft, dass 'Münchens regionale Seiten' jemals erscheinen werden: 'Allenfalls in einer winzigen Auflage, die dann völlig uninteressant ist', sagt sie.
Herbert Kerler sieht sich zu Unrecht angegriffen. Wie er am Rande einer Verhandlung vor dem Landgericht München I verriet, arbeiteten seine Mitarbeiter 'rund um die Uhr', um das Branchenbuch bis Februar fertigzustellen - obwohl ihnen nun 'von allen Seiten Steine in den Weg gelegt' würden. Wieviele Mitarbeiter er denn beschäftige, wusste Kerler allerdings nicht zu sagen: 'Das ist ein Kommen und Gehen', meinte er zögernd. Eine Antwort auf die Frage nach seiner Kundenzahl wurde ihm derweil von zwei kräftigen Begleitern abgenommen: 'Kein Kommentar.'

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